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Eigentlich bin ich kein Freund von verlassenen Orten. Exkursionen in die Stadt Pripjat in unmittelbarer Nachbarschaft des Kraftwerks Tschernobyl und nach Beelitz Heilstätten reizen mich überhaupt nicht. Meine Tochter behauptet allerdings, in fremden Städten stundenlang über Friedhöfe zu laufen – wie ich es für mein Leben gerne tue – falle unter die gleiche Reisekategorie. Sie muss es wissen, sie studiert Tourismus.

Als ich unlängst in Mecklenburg war, wurde ich mir allerdings untreu. Kein Friedhof, sondern die verbotene Halbinsel Wustrow bei Rerik sollte das Ziel einer Planwagenfahrt sein, zu der ich eingeladen war. Eine Gelegenheit, die man selbst als Journalist wahrscheinlich nur einmal im Leben bekommt. Denn der Besitzer von Wustrow, Anno August Jagdfeld, sollte mit von der Partie sein.

Vor der Fahrt stellte sich schon ein leicht mulmiges Gefühl ein. In meinen Ohren klangen die Ermahnungen, die mein Mann mir mit auf den Weg gegeben hatte: Ich solle nicht auf eine vergessene Mine treten und nicht durch ein Loch in der Decke in die Tiefe stürzen.

Warum Wustrow für die Öffentlichkeit gesperrt ist

Sie ahnen es bereits: Das wilde Eiland vor der Ostseeküste hat eine militärische Vergangenheit. Wustrow wurde von der Reichswehr, der Wehrmacht und der Roten Armee genutzt. 80 Jahre lang war die ehemalige Insel, die durch einen künstlichen Damm mit dem Festland verbunden ist, für jeglichen Besuch gesperrt. Erst seit Juni lässt Eigentümer Jagdfeld unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Planwagenfahrten über die Halbinsel Wustrow zu.

Das erste Drittel der 1000 Hektar umfassenden Halbinsel ist heute munitionsbereinigt. In diesem Bereich befinden sich die einsturzgefährdeten Gebäude der früheren Wohnsiedlung Rerik West und offene Brunnen. So ist auch dieses 100 Hektar große Areal direkt hinter der streng bewachten Absperrung ein gefährliches Pflaster für Neugierige.

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Der Planwagen holpert über Straßen, die wahrscheinlich in den 1930er-Jahren gebaut wurden. Im Vorbeifahren sehen wir in der Gartenstadt zerfallene Ein- und Mehrfamilienhäuser, zerschlagene Fensterscheiben und Bäume, die durch löchrige Dächer in Richtung Himmel streben. Die Natur hat Rerik West fast komplett zurückerobert.

Mit dem Planwagen können Sie seit Juni diesen Jahres einen Teil der Halbinsel Wustrow besichtigen. Bildquelle: © Beate Ziehres
Mit dem Planwagen können Sie seit Juni diesen Jahres einen Teil der Halbinsel Wustrow besichtigen. Bildquelle: © Beate Ziehres

Was auf der Halbinsel Wustrow geschah

Im Jahr 1932 verkauften die damaligen Besitzer des Gutshofes auf Wustrow die Halbinsel an die Reichswehr. Ab 1933 baute die Vorgängerorganisation der Wehrmacht an dieser Stelle Deutschlands größte Flakartillerieschule auf. Außerdem entstanden ein Flugplatz, Häfen, Sportanlagen, Schule, Kino, Kaufhaus und Krankenhaus.

1937 waren bereits 180 Gebäude fertiggestellt, darunter ein Hallenbad, das zur damaligen Zeit das modernste seiner Art in Deutschland gewesen sein soll. Auf dem Militärgelände lebten rund 3.000 Menschen, meist Offiziere und ihre Familien sowie Soldaten. Einer von ihnen war Altkanzler Helmut Schmidt, der im Sommer 1943 auf Wustrow Flakhelfer ausbildete.

1949 wurde das Eiland mit dem wahrscheinlich unwiederbringlich verlorenen Traumstrand Standort der Roten Armee. Die sowjetischen Soldaten sprengten einen Teil der Kasernenanlagen, an ihrer Stelle entstanden einfache, gemauerte Baracken. Bei unserer Rundfahrt erkennen wir die flachen Gebäude deutlich – anhand der spezifischen, sowjetischen Art, die Steine zu einer Mauer zusammenzusetzen.

In der Nähe einiger Barracken verlässt der Kutscher den Plattenweg. Wir steigen vom Wagen und stapfen durchs hohe Gras. Ich halte mich immer auf der Spur von Jagdfeld, denn da wähne ich mich in Sicherheit.

Barracken und ein verlassener Flughafen

Wir werfen vorsichtig einen Blick über die Abrisskante auf den feinen, weißen Sandstrand, während der Besitzer Wustrows erklärt, dass sowohl die Reichswehr als auch die Rote Armee von dieser Stelle aus das Schießen auf bewegliche Ziele geübt haben. Dabei gingen große Mengen scharfer Munition über dem Sandstrand nieder. Dies ist definitiv kein Strand für Badespaß.

Auch am nächsten Stopp, dem Tower des Flughafens, hat die Natur Raum zurückgewonnen. Wir dürfen das 1950 erbaute Gebäude am Flughafengelände und in der Nähe von Startrampen für Boden-Luft-Raketen betreten und unter besonderer Vorsicht die maroden Treppen hochklettern bis aufs Dach. Hier liegen umgekippte Stühle und abgehauene Fliesen, an manchen Fenstern hängen zerfetzte Vorhänge. Ein bisschen gruselig ist das schon.

Verlassen und einsam, der Natur überlassen liegt das ehemalige lugelände auf der halbinsel Wustrow. Bildquelle: ©Nathan Wright / Unsplash.com
Verlassen und einsam, der Natur überlassen liegt das ehemalige lugelände auf der halbinsel Wustrow. Bildquelle: ©Nathan Wright / Unsplash.com

 

Flora und Fauna auf der Halbinsel Wustrow

Gleichzeitig präsentiert sich der ehemalige Truppenübungsplatz als Eldorado für Naturliebhaber. Pflanzen- und Tierwelt konnten sich hier ungestört entwickeln. Heute ist der westliche Teil der Halbinsel als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Wustrow und das angrenzende Salzhaff gehören zum EU-Vogelschutzgebiet „Küstenlandschaft Wismar-Bucht“ und die großen Röhrichtflächen entlang des Haffs gelten als Feuchtgebiete von nationaler Bedeutung. Hier wachsen viele salzliebende Pflanzenarten. Wissenschaftler haben an die 90 Brutvogelarten gezählt. Daneben wird von Mufflons und Dachsen berichtet.

Während unserer Fahrt fallen mir vor allem Schwärme von Fliegen, Stechmücken und Bremsen auf, die uns auf Schritt und Tritt begleiten. Jagdfeld ermahnt uns, abends unbedingt nach Zecken zu schauen. Da gefallen mir die zahlreichen Schmetterlinge doch deutlich besser.

Touristische Nutzung der Halbinsel Wustrow

Seit Anno August Jagdfelds Fundus-Gruppe im Jahr 1998 ein Flurstück von 300 Hektar vom Bund gekauft hat, verfolgt der Investor den Plan, diesen Teil der Halbinsel touristisch zu erschließen. Seine Vision: Er würde gerne die New Yorker Hamptons nachzubauen. „Es gibt keine schönere Lage für eine Ferienanlage“, sagt er.

Ursprünglich waren im östlichen Bereich Wustrows eine seeseitige Marina, Golfplatz, Reiterhof, ein Hotel sowie Ferien- und Eigentumswohnungen vorgesehen. Die alte Gartenstadt sollte saniert und erweitert werden und eine zweite Gartenstadt erbaut. Die Pläne gehen von Wohnraum für 2.000 Urlauber aus. Das Naturschutzgebiet bliebe von den Maßnahmen unberührt.

Wenn es nach dem Eigentümer ginge, wäre auf der Halbinsel schon längst eine Ferienanlage entstanden, doch bisher wehrt sich die kleine Stadt Rerik erfolgreich dagegen. Bildquelle: Pixabay.de
Wenn es nach dem Eigentümer ginge, wäre auf der Halbinsel schon längst eine Ferienanlage entstanden, doch bisher wehrt sich die kleine Stadt Rerik erfolgreich dagegen. Bildquelle: Pixabay.de

Doch die Stadt Rerik befürchtete ein hohes Verkehrsaufkommen durch die künftigen Besucher. Laut Jagdfeld erklärte die Kommune deshalb die Zufahrtsstraße über den Damm für nicht befahrbar und setzte so der touristischen Entwicklung der Halbinsel ein vorläufiges Ende. Bis heute gibt es kaum spürbare Annäherung der beiden Parteien. Keine der Ideen, die zur Minderung der Verkehrsbelastung beigetragen hätten, konnte umgesetzt werden. Der Strand des Ostseebades Rerik endet wie eh und je an einem hohen Zaun mit Warnhinweisen: „Lebensgefahr. Betreten strengstens verboten“

Inzwischen gibt es Gedankenspiele, die Halbinsel als Ausgleichsfläche der Natur zu überlassen und geführte Wanderungen anzubieten. Die Investorengruppe prüft diese Möglichkeit.

Die Halbinsel Wustrow besichtigen

Geschichtsinteressierten und Naturliebhabern kann ich eine Fahrt auf die Halbinsel Wustrow nur empfehlen. Wir haben die Planwagenfahrt mit Herbert Bannow von Bannows Pferdewelt Rerik unternommen. Sie erreichen Herbert Bannow unter Telefon 0174 800 1881, um sich für eine Fahrt über die Halbinsel Wustrow anzumelden.

Wasserseitig kann die Halbinsel mit dem Schiff MS Salzhaff erkundet werden. Bis Ende Oktober starten die Fahrten jeweils montags und donnerstags um 15 Uhr. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Anbieters.

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