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Großbritannien ist, so könnte man annehmen, eine im Großen und Ganzen zukunftsorientierte, moderne Nation. Liberale Ansichten werden seit Jahrhunderten hochgehalten, und trotz, oder gerade wegen, einer konservativen Regierung steht das Vereinigte Königreich noch immer an der Spitze der Rangliste der zukunftsorientiertesten Länder der Welt.

Auch psychische Gesundheitsprobleme, wie Depressionen, Angstzustände und andere psychische Krankheiten werden in Großbritannien viel weniger stigmatisiert als in andern vergleichbaren Staaten. So sind beispielsweise prominente Sängerinnen und Sänger wie Anne-Marie und George Ezra Botschafter der britischen Wohltätigkeitsorganisation „MIND“, die sich für die psychische Gesundheit der britischen Bevölkerung einsetzt.

Umso erstaunlicher ist die Veröffentlichung in der Online-Ausgabe des „Independent“, dass die Elektroschocktherapie im letzten Jahr bei 1.964 psychisch kranken Personen eingesetzt wurde, und dass 67 % jener Patienten und Patientinnen, die die umstrittene EKT-Behandlung erhielten, weiblich waren.

Vieles ist also aufzuklären bei dieser Behandlungsmethode: Erstens, warum wird diese Art der Behandlung überhaupt eingesetzt, wie gefährlich ist dieser Methode und gibt es alternative Heilungsszenarien? Und zweites sollte geklärt werden, wieso eigentlich zwei Drittel der behandelten Personen, die diese Behandlung erhalten, weiblich sind. Wenn doch Frauen in Summe nur 51 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Lassen Sie uns dies genauer ansehen.

Sich rundum wohlfühlen und das Leben auch mit 59plus genießen, hängt auch immer von einer guten Gesundheit ab. Bildquelle: © Tyler Farmer / Unsplash.com
Sich rundum wohlfühlen und das Leben auch mit 59plus genießen, hängt auch immer von einer guten Gesundheit ab. Bildquelle: © Tyler Farmer / Unsplash.com

Was ist die Elektrokrampftherapie (EKT)?

EKT, auch als Elektrokonvulsionstherapie bezeichnet, ist eine elektrische Behandlung, bei der elektrische Ströme an das Gehirn gesendet werden, und sie dient der Behandlung therapieresistenter und schwerer depressiver Störungen. Bei diesem Heilungsversuch werden für wenige Sekunden Stromimpulse ausgesandt, die zu einer neuronalen Überreaktion im Gehirn führt. Die Behandlung wird unter Vollnarkose durchgeführt. Die Fachwelt geht davon aus, dass EKT einige schwere psychische Gesundheitsprobleme zumindest kurzfristig lindern kann.

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Bei wem kommt die EKT zum Einsatz?

EKT wird langfristig bei Personen mit lediglich leichten bis mittelschweren psychischen Erkrankungen nicht empfohlen. Diese Behandlungsart kommt nur bei jenen Patienten zum Einsatz, deren Leben in akuter Gefahr ist, aber auch bei Personen, die unter schweren Depressionen leiden und bei denen andere Behandlungsarten nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben. Aber auch bei Katatonie (eine stark verkrampfte Haltung des Körpers) und bei Manie wird EKT immer mehr in Großbritannien eingesetzt.

Stellen sich Behandlungserfolge ein?

Die Resultate der Behandlungen mit EKT sind noch nicht eingehend wissenschaftlich erforscht, die ist auch einer jener Gründe, warum diese Behandlungsart zumeist erst als eine der letzten von den behandelnden Ärzten gewählt wird. Zwar fehlen fundierte Erkenntnisse, was die Behandlung tatsächlich bewirkt, aber es gibt einige dokumentiere Fälle, dass sie bei einigen erkrankten Personen tatsächlich funktioniert – genau wie es genügend Beweise dafür gibt, dass der Einsatz von EKT bei vielen anderen nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat.

Welche Risiken bestehen bei dieser Behandlung?

Es kann nicht von der Hand gewiesen werden, dass diese Behandlung mit einigen Risiken verbunden ist und zumindest kurzfristige Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Verwirrtheit und Muskelschmerzen hervorrufen kann, aber auch wiederholte psychische Anfälle können auftreten.

Auch langfristige Nebenwirkungen können mit dieser Behandlung auftreten. Hierzu zählt unter anderem der Gedächtnisverlust, der normalerweise kurzfristig ist, aber auch andauern kann. Andere Nebenwirkungen beziehen sich auf das Unvermögen, Informationen zu behalten, Emotionen zu zeigen, mangelnde Kreativität und Probleme mit der Konzentration.

EKT ist weiterhin umstritten

EKT ist in der Tat ziemlich umstritten – aber warum?

In den 1950er bis in die späten 1970er Jahren wurde die psychische Gesundheit viel stärker stigmatisiert als heute. Die EKT-Methode wurde damals auch bei Menschen mit nur leichten psychischen Problemen und auch ohne deren Einwilligung und ohne Narkose angewendet.

Gegenwärtig hat man sich von diesen Praktiken bereits verabschiedet, aber dennoch wird EKT zunächst auch ohne andere alternative Behandlungen wie beispielweise Gesprächstherapien oder Antidepressiva angewandt. Auch innerhalb der Ärzteschaft ist diese Behandlungsmethode sehr umstritten, und eine Behandlung, die sogar unter Ärzten hitzig debattiert wird, sorgt definitiv für einiges an Gesprächsstoff!

Auch die Art und Weise, wie die EKT eingesetzt wird, hat für einiges Aufsehen gesorgt und dies obwohl sie sich stark vom den Einsatzarten im 20. Jahrhundert unterscheidet. Nur 16 % der befragten Behandelten gaben an, dass der Einsatz von EKT erfolgreich war, und nur 3 % litten unter keinen Nebenwirkungen. Außerdem wurden bei 36 % der Patienten, bei denen EKT eingesetzt wurde, auch eine oder mehrere Wiederholungsbehandlungen durchgeführt, und dies, obwohl der allgemeine Rat lautet, dass EKT nur einmal eingesetzt werden sollte.

Wieso werden Frauen damit überproportional behandelt?

Zwei Drittel der Personen, die mittels einer Elektrokonvulsionstherapie behandelt werden, sind weiblich. Dies könnte die Annahme stützen, dass mehr Frauen im Allgemeinen unter psychischen Probleme leiden als Männer, aber nicht die Tatsache, dass mehr Männer sich selbst das Leben nehmen als Frauen. Dieses Faktum deutet darauf hin, dass sowohl Männer als auch Frauen mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, Frauen sich jedoch viel häufiger um eine ärztliche Diagnose bemühen und selbstständig ärztliche Hilfe und Rat suchen.

Hier tritt wieder das weiterhin geltende Klischee der Geschlechterfrage in den Vordergrund, bei dem Männern schon in frühen Jahren beigebracht wird, in Gesellschaft nicht so viel über die eigenen Gefühle und Probleme zu sprechen, Frauen wird hingegen schon früh beigebracht, ihre Befindlichkeiten offen darzulegen, was schlussendlich auch dazu führt, dass sie sich viel eher Freunden, der Familie und schließlich einem Arzt anvertrauen.

Diese geschlechterspezifischen Vorurteile sind im Gesundheitswesen allgegenwärtig, daher überrascht es auch nicht, dass diese Therapie Frauen viel eher angeboten wird als Männern.

Alternative Heilmethoden sind oftmals der bessere Weg zur sehr umstrittenen EKT Behandlung. Bildquelle: © Yoann Boyer / Unsplash.com
Alternative Heilmethoden sind oftmals der bessere Weg zur sehr umstrittenen EKT Behandlung. Bildquelle: © Yoann Boyer / Unsplash.com

Alternative Behandlungsmethoden

Während viele Ärzte der Meinung sind, dass EKT als letzter Ausweg eingesetzt werden kann, und es nur dann zu einer Behandlung kommen sollte, wenn das Leben des Patienten in Gefahr ist, gibt es aber dennoch viele andere, alternative Behandlungsmethoden, die stattdessen eingesetzt werden können.

Folgende sind zu nennen:

  • Online-Hilfezentren: Es gibt die unterschiedlichsten Online-Hilfezentren und Online-Foren, die bei den meisten psychischen Problemen weiterhelfen können. So steht beispielweise in Großbritannien der Service „No More Panic“ zur Verfügung, der Personen weiterhilft, die unter Angstzuständen leiden, oder Sie können sich auch die Datenbank von unterschiedlichen Glücksspiel-Behandlungszentren ansehen, wenn Sie beispielsweise gegen Ihre Spielsucht ankämpfen wollen
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  • Therapien: Ihr Arzt kann Ihnen auch mit einer Gesprächstherapie oder einer speziellen Beratung weiterhelfen. Jedoch sind die Wartezeiten für diese Art der Behandlung oft sehr lang, aber, sofern Sie die finanziellen Mittel hierfür haben, können Ihnen auch private Therapeuten zur Verfügung stehen.
  • Antidepressiva oder Medikamente: Auch Medikamente, die Sie von Ihrem Arzt verschrieben bekommen haben, können helfen. So kommen Antidepressiva oder andere Arten von Medikamente zum gezielten Einsatz, die Ihren Serotoninspiegel erhöhen werden, oder andere Vorteile bringen. Dieser medikamentöse Einsatz hat typischerweise auch einige Nebenwirkungen, die aber nicht so schwerwiegend sind, wie jene bei EKT.

Wie Sie sehen können, gibt es eine Reihe von Behandlungen bei psychischen Krankheiten, die Sie ausprobieren können, bevor Sie sich für etwas so Radikales wie EKT entscheiden. Bedenken Sie, dass diese Behandlung viele Risiken birgt, aber dennoch auch jenen Betroffenen helfen kann, die sich in einer echten und bedrohlichen Krise befinden. Schockierend bleibt jedoch die Tatsache, dass diese Behandlung vor allem an Frauen stattfinden, ohne dass zuerst alternative Behandlungen angeboten wurden. Sollten Sie mit einem psychischen Problem zu kämpfen haben, nehmen Sie sich genügend Zeit, um über die beste Vorgehensweise nachzudenken, auch wenn Ihnen sofort EKT angeboten werden sollte.

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