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Sicher erinnern Sie sich an den Eingangstext unsere Demenz-Fibel aus dem vergangenen Monat zum Thema Selbstbestimmung. Dort ging es um zwei Senioren aus einer Pflegeeinrichtung, die sich aufgemacht haben, um ihrer Lieblingsmusik zu lauschen. Hardrock und Heavy-Metal-Mucke auf dem legendären Musikfestival in Wacken. Diese Klänge und mit ihnen verbunden viele Erinnerungen und Emotionen sind für diese beiden Herren augenscheinlich ein ganz starker Antrieb und Motor gewesen.

Musik ist ein starkes Identitätsmerkmal. Ein auf den ersten Blick unscheinbarer Baustein unserer jeden ureigenen Lebensgeschichte, der in vielen herausfordernden Situationen des Lebens wie z.B. im Rahmen einer Krankheitsbewältigung wieder an die Oberfläche gespült wird. So erlebe ich es in meinem Beruf als Musiktherapeutin.

Musik und Emotionen

Aus der Begleitung von Menschen mit Demenz ist Musik nicht mehr wegzudenken. Oft als „Schlüssel“ oder „Königsweg“ beschrieben, verliert das Medium meiner Ansicht nach jedoch zusehends seine Zauberkraft. Vor allem weil es häufig für sich allein steht und nur für sich allein betrachtet wird. Es wird außer Acht gelassen, dass Musik nur wirksam werden kann, wenn sie eine Bedeutung bekommt. Musik kann wirksam werden, weil sie Beziehung gestaltet und selbst durch Beziehung und Begegnung gestaltet wird.

Musik kann, wenn sie richtig eingesetzt wird, einen Zugang schaffen. Ist aber nicht automatisch der Schlüssel bei an Demenz erkrankten Menschen. Bildquelle: © Skylar Sahakian / Unsplash.com
Musik kann, wenn sie richtig eingesetzt wird, einen Zugang schaffen. Ist aber nicht automatisch der Schlüssel bei an Demenz erkrankten Menschen. Bildquelle: © Skylar Sahakian / Unsplash.com

Das bloße Anschalten des Radios, der Lieblings-CD oder das Aneinanderreihen von Songs in einer Singrunde mit Menschen mit Demenz wird weder der Musik und ihren Wirkungsweisen noch – und das ist wesentlich dramatischer – den Menschen mit Demenz und dem erlebten Moment voll Atmosphäre gerecht. Verabschieden wir uns vom gängigen Bild, dass Musik und alles, was im weitesten Sinne dazu zählt, nur positiv und „schön“ ist, nur „fröhlich und gesellig“ sein muss. Verabschieden wir uns von der Idee, dass Musik per se Zugangswege zu Menschen mit Demenz schafft. Musik in der Begegnung mit Menschen mit Demenz ist ein Schatz, der ein verantwortungsvolles Gegenüber braucht.

Erspüren:

Haben Sie sich schon einmal bewusst Gedanken darüber gemacht, was es alles braucht, um von einem Stuhl aufzustehen und von einem Zimmer in das andere zu gelangen? Welche Fähigkeiten unser Gehirn an den Tag legt, um immer wieder auszuloten, wo oben, wo unten und wo unsere Körpermitte ist? Sicher nicht. Unser Hirn funktioniert, ohne dass wir uns die Fähigkeiten, die es dazu braucht, bewusst machen müssen. Zum Glück. Haben wir jedoch bspw. die Grippe, merken wir, wie beschwerlich der Weg vom Bett zum Bad sein kann – und das aus vielerlei Gründen.

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Aber was hat dies mit Musik und Demenz zu tun? Eine ganze Menge. Immer wieder kann ich beobachten, dass Menschen mit Demenz aus dem Glauben heraus, dass Musik „gut“ für sie sei, rund um die Uhr mit dem Radio oder mit Lieblingsmusik dauerbeschallt werden. Dieser Zustand führt auf Dauer zu Stress. Das gilt für Menschen mit und ohne Demenz. Gut gemeintes verkehrt sich ins Gegenteil. Dauerbeschallung hat noch einen weiteren dramatischen Effekt: Die Fähigkeit unseres Gehirns zur räumlich-akustischen Wahrnehmung geht verloren. Dauerbeschallung sorgt dafür, dass wir bald nicht mehr wissen, wo oben und unten und unsere Körpermitte ist.

Geht diese Fähigkeit verloren, fällt es uns immer schwerer, von einem Stuhl aufzustehen und uns sicher in einem Raum zu bewegen. Werden wir dauerbeschallt, verliert unser Gehirn die Fähigkeit, seinem Tag- und Nacht-Rhythmus zu folgen bzw. ihn zu erkennen. Und was machen wir: stellen lediglich fest, dass die Demenzerkrankung bei den Menschen, die wir begleiten, wohl weiter fortschreitet. Bleiben Sie wachsam! Viele der oben beschriebenen Situationen, die wir als herausfordernd erleben, sind hausgemacht und nicht zwingend ein Symptom der Erkrankung und viele davon sind es aufgrund von Über- oder Unterforderung mit akustischen Reizen.

Das Gehirn spielt eine ganz zentrale Rolle in unseren täglichen Abläufen. Bildquelle: Shutterstock.com
Das Gehirn spielt eine ganz zentrale Rolle in unseren täglichen Abläufen. Bildquelle: Shutterstock.com

Verstehen:

Musik ist so etwas wie eine biologische Sprache unseres Körpers. Sie vernetzt Nervenbahnen unseres Gehirns immer wieder neu miteinander. Dazu gibt es inzwischen viele Forschungsarbeiten und Studien (z.B. Nachzulesen bei Prof. Altenmüller www.dasgehirn.info oder Prof. Michael Thaut www.musicmendsminds.org.) Diese Vernetzung durch Musik findet auch bei weit fortgeschrittener Demenz und anderen hirnorganischen Abbauprozessen statt. Musik nimmt also Einfluss auf Prozesse unseres Gehirns, die mit Musik an sich nichts, aber auch rein gar nichts zu tun haben.

Kennen Sie das Erlebnis, dass sich unsere Schritte denen einer vor uns laufenden Person anpassen, wenn diese mit Absätzen über den Boden „klackert“? Dieser Ankopplung unseres Gehirns an einen rhythmischen Impuls können wir uns nicht entziehen. Wer von Ihnen kann sich beim Autofahren oder bei der Schreibtischarbeit besser konzentrieren, wenn vertraute Musik und vertraute Geräusche an das Ohr dringen? Wer von Ihnen braucht in solchen Momenten Stille und wann? Man hat beobachtet, dass der Herzschlag von Chorsängern sich beim gemeinsamen Singen angleicht. Unser Atem pendelt sich in einem gemeinsamen Rhythmus ein. Weitere Vitalwerte wie bspw. unser Blutdruck schwingt sich aufeinander ein und lässt sich über die gemeinsam gestaltete Musik regulieren.

Der gezielte und bewusste Einsatz von Musik – und nur er – kann also bspw. ein ganz wunderbarer Impulsgeber sein, um Aufmerksamkeit zu erhalten, die Motorik zu stabilisieren und für ein sicheres Gangbild zu sorgen (mehr dazu bspw. im Buch „Mit Musik geht vieles besser – der Königsweg in der Pflege von Menschen mit Demenz, S. Willig, S. Kammer, Vincentz Verlag). Dies kann aber nur geschehen, wenn der Beziehungsaspekt zur Musik und zur Person gegenüber in dem jeweiligen Moment in den Mittelpunkt gerückt wird. Und wenn im Anschluss an eine Aktion mit Musik Stille folgt.

Handeln:

Situationen der Geborgenheit und Sicherheit für Menschen mit Demenz, das Erleben von Emotion, Erinnerung und Identität und der Erhalt von Fähigkeiten unseres Gehirns wird vor allem dadurch vermittelt, dass wir in der Lage sind, ein ausgewogenes akustisches Klima zu schaffen. Vermeiden Sie Dauerbeschallung. Setzen Sie Musik nur im Beziehungsmoment und ausschließlich gezielt ein (z.b. beim Hören einer Lieblingsschallplatte zum Nachmittagskaffee). Bieten Sie Menschen mit Demenz Klänge aus verschiedenen Stellen im Raum an und achten Sie darauf, dass diese als solche erkennbar sind. Wird der Kopf zur Schallquelle gedreht? Das ist ein Hinweis auf eine intakte räumlich-akustische Orientierung, die es zu fördern gilt.

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Lassen Sie uns gemeinsam über das Medium Musik Beziehung und Begegnung gestalten. Lassen Sie Musik den Motor fürs Leben sein: Besuchen Sie mit den Menschen mit und ohne Demenz, die ihnen am Herzen liegen, eine der Veranstaltungen zum Weltseniorentag am 1. Oktober in vielen deutschen Städten. Getanzt wird dort überall um 11.00 Uhr zum eigens komponierten Song „Spark of life“. Die Idee dazu hatte 2014 der Hamburger Verein „Wege aus der Einsamkeit e.V.“, der das Swing-Stück komponieren ließ und dessen zugehöriges Musikvideo seitdem um die Welt geht.

Mit 59plus kreiere ich in diesem Jahr Emotionen und neue Erinnerungen in Düsseldorf. Verbindungen und neue Netzwerke der Synapsen und Neuronen natürlich inklusive. Mehr unter https://www.59plus.de/seniorenflashmob/

Termine für Seminare zum verantwortungsvollen und sinnstiftenden Umgang mit Musik im (Pflege)Alltag und in der Begleitung von Menschen mit Demenz können Sie ebenfalls über 59plus erfragen und buchen.

Sie haben Fragen und möchten Rückmeldung geben? Schreiben Sie mir (oder treffen Sie mich live und bunt und in Farbe im Oktober auf dem Weltseniorentag in Düsseldorf). Ich freue mich auf Ihre Zeilen.

Herzlichst, Ihre

 

 

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