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„Wird`s besser, wird`s schlimmer fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich“. Das schrieb einst Erich Kästner und sein Zitat zählt zu meinen Lieblingssprüchen, die ich gerne rund um Silvester an Familie, Freunde, Bekannte versende. Sie kennen das sicher: Zum Jahreswechsel finden sich in allen Zeitungen Artikel unter der Überschrift „Das ändert sich zum 1. Januar!“ oder „Was Sie jetzt zum Jahreswechsel beachten müssen!“

Ein Anlass auch für mich und das Team von 59plus einmal auf eine Neuerung 2019 im Bereich der Pflege von Menschen mit Demenz zu schauen. Eine Neuerung mit einem fulminanten Titel: „Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“. Wow. Was soll das sein? Unverändert schauen Sie auf die täglichen Herausforderungen in der Begleitung von Menschen mit Demenz. Diese ändern sich nicht durch einen Datumswechsel auf 2019 und sicher auch nicht dadurch, dass die Begleitung von demenziell veränderten Menschen nun einen neuen Titel oder eine andere Überschrift bekommt. Oder doch?

Meine Impulse für das Jahr 2019

Unverändert möchte ich Sie auch im neuen Jahr über die vertrauten Bausteine unserer Demenzfibel „Erspüren – Verstehen – Handeln“ wieder zum Nachdenken und Weiterdenken einladen. Bevor Sie weiterlesen, haben Sie die Wahl: Sie können gleich drauf loswettern. Über den Pflegenotstand im Allgemeinen und im Besonderen (der Pflegenotstand ist eine Tatsache!). Schimpfen auf alle Einsparungen und Einschränkungen oder einen Schritt zurücktreten und alles neu einmal in der Rolle als neutraler Beobachter ansehen. Welche Idee steckt hinter dem Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung für Menschen mit Demenz? Welche Konsequenzen und Folgen bringt der für alle Einrichtungen und Pflegedienste verbindliche Standard mit sich, die Verträge mit den Pflegekassen geschlossen haben? Liegt ein Chance darin? Welche Chance liegt daran, dass Sie als Einzelperson genau hinsehen und hinterfragen?

Auch im Jahr 2019 hat sich an meiner Haltung gegenüber Menschen mit Demenz nichts geändert. Ich bleibe eine unverbesserliche Idealistin – verwurzelt in dem festen Glauben daran, dass der Perspektiv-Wechsel die Welt immer wieder aus dem Blickwinkel der Menschen mit Demenz zu sehen, zu einer Kommunikation auf Augenhöhe führt. Einer Kommunikation, die in der Lage ist, gesellschaftliche Veränderungen zu tragen und das funktionale Verständnis von Pflege zu verändern. Ich lade Sie ein, den Perspektiv-Wechsel zu wagen und warne Sie: Er hat mit Selbstverantwortung zu tun.

Ein neues Jahr geht oft auch einher mit gesetzlichen Veränderungen - in diesem Fall betrifft es den Expertenstandard im Bereich der Pflege. Bildquelle: © Nordwood Themes / Unsplash.com
Ein neues Jahr geht oft auch einher mit gesetzlichen Veränderungen – in diesem Fall betrifft es den Expertenstandard im Bereich der Pflege. Bildquelle: © Nordwood Themes / Unsplash.com

Erspüren:

Kennen Sie das gute Gefühl, wenn Sie nach einem stressigen Tag, der völlig anders verlief, als Sie ihn geplant haben? Mit ihrem dünnen Nervenkostüm in einem Café sitzen und herein kommt Ihre gute Freundin, der Partner, bzw. schlicht, aber ergreifend die Person, bei der für Sie die Sonne aufgeht? Mit der herzlichen Umarmung, dem vertrauten Duft, dem Wahrnehmen Ihres Gegenübers, dass Sie einen schlechten Tag hatten, fühlt sich alles plötzlich nur noch halb so dramatisch an. Mehr noch, es darf vergessen sein. Das ist eine Fähigkeit, der Menschen mit Demenz immer nachgehen und nachgeben und von der wir uns eine große Scheibe abschneiden können. Ist die Atmosphäre, das Miteinander gut und stimmig, dann ist gleichsam die gesamte Situation gut. Egal, was vorher war. Während wir mit unseren vermeintlich kognitiven Vollfunktionen umgekehrt oft generalisiert auf die Airline, das blöde Personal, das schlechte Wetter am Urlaubsort schimpfen, weil der Flug verspätet war.

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Für die Begegnungen mit Menschen mit Demenz bedeutet das: Je mehr aufrichtiges Einfühlen in eine Person mit Demenz, je mehr echte Bindung, umso weniger klebe ich an funktionalen Versorgungsstrukturen, umso besser wird die Pflege.

Bisher folgt unsere Haltung Menschen mit Demenz gegenüber dem System (das sind dann die Situationen, die wir als „herausfordernd“ bezeichnen. Menschen mit Demenz verhalten sich anders, als unsere Systeme es „verlangen“). Es wird Zeit, dass unsere Haltung Menschen mit Demenz gegenüber das System verändert. Und das kann gelingen, wenn wir alle in die Verantwortung gehen.

Je mehr "echte" Bindung, desto wertvoller die Pflege. Bildquelle: shutterstock.com
Je mehr “echte” Bindung, desto wertvoller die Pflege. Bildquelle: shutterstock.com

Verstehen:

Expertenstandards sind Rahmenrichtlinien aus und von der Pflege für die Pflege, die vom Deutschen Netzwerk für Qualitätssicherung in der Pflege herausgegeben werden. Diese Standards sind nicht unmittelbar handlungsweisend. Sie deklarieren aus Sicht der Pflege, welche Maßnahmen im Rahmen einer Verfahrensanleitung als sinnvoll erachtet werden. Die Absicht eines Standards ist, ein gemeinsames Leistungsniveau in der Pflege festzulegen. Zu den bekanntesten „Verfahrenskatalogen“ zählen bisher Themen wie „Essen und Trinken“ oder „Sturzprävention“. Wir Deutschen scheinen in allem nach Struktur zu streben, nach allem, was Sicherheit vermittelt durch Richtlinien jedweder und aller Art.

Wir haben uns über Jahrzehnte hinweg ein Konstrukt in der Pflege erschaffen, das funktionale Verhaltensweisen und Verfahrensanweisungen auf einen Sockel hebt. Und in dieses Konstrukt passen Menschen mit Demenz nur schwer hinein. Der neue Standard zur Beziehungsgestaltung nimmt jeden Einzelnen von uns in die unmittelbare Verantwortung. Beziehungsgestaltung in der Pflege und Begleitung darf und soll nicht länger als ein „Schmiermittel für funktionale Ziele“ angesehen werden („Ich baue eine Beziehung auf, damit Herr Müller ordentlich isst“).

Handeln:

Der Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz konzentriert sich auf das Verstehen im Erleben von Menschen mit Demenz. Und nicht (länger) auf Verfahrensanleitungen. Beziehung bindet Angst und schafft Vertrauen. Die Frage, mit welcher Haltung wir einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen auch mit weit fortgeschrittener Demenz ihr Minimum an individuell erlebter Orientierung aufrecht erhalten können, wird die zentrale Frage sein. Und sie kommt lange vor allen Fragen nach Maßnahmen, Angeboten, Kosten und der angemessenen Personaleinsatzplanung.

Gute Pflege und Begleitung entsteht aus Kontakt. Und aus dem Erarbeiten von Möglichkeitsspielräumen für gute und für weniger gute Tage. Der Erhalt und die Unterstützung der Lebensqualität in der Begleitung von Menschen mit Demenz hängt von der Teamdynamik ab und ist immer ein Teamresultat.

Simone Plechinger ist Musiktherapeutin mit Leib und Seele und brennt für eine veränderte Sicht im Umgang mit Menschen mit Demenz. Bildquelle: © Heike Rössing
Simone Plechinger ist Musiktherapeutin mit Leib und Seele und brennt für eine veränderte Sicht im Umgang mit Menschen mit Demenz. Bildquelle: © Heike Rössing

Ändern wir doch einfach mal den Blickwinkel

In meinen Seminaren nehme ich seit Jahren das gesamte Team plus die Angehörigen von Menschen mit Demenz mit an Bord. Unter einen Hut. Und in die Verantwortung. Begrifflichkeiten wie „Expertenstandard Pflege“ hin oder her. Langweilige und langwierige Erklärungen, Geschriebenes, Richtlinien und Zahlen bringen uns auf Dauer nicht weiter. Ich freue mich auch in 2019 darauf, in meinen Vorträgen und Seminaren Ihr Team, Ihr Krankenhaus, Sie als Angehörige in der lebendigen Umsetzung der aufrichtigen Kommunikation auf Augenhöhe mit Menschen mit Demenz zu unterstützen. Melden Sie sich via www.simoneplechinger.de oder gern auch telefonisch über mein Büro 02772/5089745.

„Wird`s besser, wird`s schlimmer fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“

Ob eine Rahmenrichtlinie wie der Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz wirkliche Veränderung in das von uns geschaffene starre Pflegesystem bringt? Das werden wir vielleicht erst in zehn oder fünfzehn Jahren wissen. Ob das unsere Ausrede sein darf, an der Ausrede unseres Gehirns, dass sich ja sowieso nichts ändere, festzuhalten, dürfen Sie selbst entscheiden.

Zuversicht, Energie Mut und Vertrauen. Das wünsche ich Ihnen in diesen ersten Tagen des noch jungen Jahres. Aber auch für alle folgenden in 2019 mit allen Herausforderungen und Facetten.

„Begrüße das neue Jahr vertrauensvoll und ohne Vorurteile. Dann hast Du es schon halb zum Freund gewonnen“. (Novalis).

Sie haben Fragen und möchten Rückmeldung geben? Schreiben Sie mir. Ich freue mich auf Ihre Zeilen.

Herzlichst, Ihre

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