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Der Sommer ist da – in all seiner Pracht und Fülle, mit tüchtig Sonne und Hitze und in der Begegnung mit Menschen mit Demenz in all seinen Herausforderungen, z.B. wenn es um das Thema Trinken bzw. um – im Fachjargon – ausreichende Flüssigkeitszufuhr geht. Das Wetter, aber auch innere Faktoren wie Fieber, Durchfall, Medikamenteneinnahme etc. können unseren Flüssigkeitsbedarf erhöhen – das gilt für Menschen mit und ohne Demenz gleichermaßen. Populäre Ratgeber beschreiben grundsätzlich die 2-Liter-Regel am Tag, also die Faustregel, 2 Liter Flüssigkeit über den Tag verteilt zu trinken, für die es interessanterweise jedoch keine wissenschaftliche Grundlage gibt.

Wenn das Trinken nicht mehr selbstverständlich ist

Tatsache ist, dass Menschen mit Demenz im Verlauf ihrer Erkrankung ihre Bedürfnisse nicht mehr in der für uns gewohnten Weise ausdrücken können. Gleichzeitig kann das Durstempfinden verändert sein. Ja, Unterstützungsangebote von außen sind bedeutsam. Doch sie allein führen schnell zu Stress, wenn der Fokus einzig auf die „ausreichende Flüssigkeitszufuhr“ gelegt wird. Denn der Erhalt von Eigenständigkeit der uns anvertrauten Menschen mit Demenz ist ebenso wichtig.

Ich habe unter dem Druck, alles gut machen zu wollen und für ausreichend Flüssigkeitszufuhr zu sorgen, meine Omi häufig ohne Punkt und Komma vollgequatscht: „Nun trink doch mal, trinken ist wichtig, draußen ist es so heiß heute, Du musst noch trinken, ich gieß Dir noch ein Glas Wasser ein, willst Du Apfelschorle? Warum trinkst Du denn nicht, das muss aber sein, nun mach doch mal“…

Der empfundene Druck auf beiden Seiten ist nicht der Demenzerkrankung zuzuordnen – er ist schlicht hausgemacht.

Deshalb haben die Götter vor alle konkreten Tipps und vor jedwedes Handeln das Verstehen gesetzt – so auch in diesem Kapitel unserer Fibel.

An Demenz erkrankte Menschen vergessen das Trinken durchaus mal. Dann gilt es Wege zu finden sie liebevoll daran zu erinnern. Bildquelle: © Toa Heftiba / Unsplash.com
An Demenz erkrankte Menschen vergessen das Trinken durchaus mal. Dann gilt es Wege zu finden sie liebevoll daran zu erinnern. Bildquelle: © Toa Heftiba / Unsplash.com

Erspüren

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Das Trinken wie das Essen sind täglich wiederkehrende Aufgaben, die im Verlauf des Lebens erlernt werden. Für eine lange Zeit werden sie eigenständig ausgeübt. Diese Eigenständigkeit ist ein hohes Gut – es gilt, sie wertzuschätzen. Die Atmosphäre ist bedeutsam.

Beobachten Sie: Wird das Trinken wirklich „vergessen?“ Stören eventuell Umgebungsgeräusche den Moment, der benötigt wird, um sich auf die Handlung zu konzentrieren? Reizüberflutung durch Stimmengewirr, klappernde Teller, im stationären Alltag auch ratternde Servierwagen, Hintergrundmusik aus Radio oder Fernsehen kann auch die Ursache sein, dass eventuelle Aufforderungen zum Trinken von Menschen mit Demenz weder gehört noch verstanden werden oder dass die Lust darauf sprichwörtlich vergeht ohne, dass sie diese Zusammenhänge erklären könnten.

Verstehen

Der Handlungsablauf des Trinkens selbst ist ein vielfältiger Vorgang, der eine intakte Grob- und Feinmotorik erfordert (z.B. Initiieren der Bewegung: Ausstrecken des Armes zum Glas, Öffnen der Hand, um das Glas zu greifen, Schließen der Hand, Anheben des Armes und zum Mund Führen des Glases usw.). Auch die Frage nach dem Lippenschluss und dem hochkomplexen Vorgang der Mundbodenmuskulatur und des Schluckens sollte gestellt und der Ablauf der Handlung beobachtet werden. Liegt die Schwierigkeit dort?

Werden Medikamente eingenommen? Hat sich das Durstgefühl bereits durch das Alter verändert?

Handeln

Grundvoraussetzung ist eine Atmosphäre zum Wohlfühlen. Welche Rituale rund um das Thema gibt es in Ihrer Familie – wurde vielleicht in Kindertagen ausschließlich zum Essen getrunken? Wurde sich bei Tisch zugeprostet? Wieviel Zeit nehmen wir uns, um in Ruhe zu trinken? Nutzen wir schön aussehende Gläser oder Becher? Nicht nur solche, die auf Funktionalität ausgerichtet sind (eine Kombination von beidem ist möglich!)? Bin ich bereit, wertzuschätzen, auszuhalten und anzuerkennen, dass mein erwachsenes Gegenüber gerade nicht trinken möchte? Bin ich bereit ihm das Angebot freundlich in einem geraumen Zeitabstand noch einmal zu machen? Menschen mit Demenz erspüren Atmosphären – die innere Haltung, die wir zu der Begegnung haben ist entscheidend.

Experten auf dem Gebiet der atmosphärischen Gestaltung sind bspw. ausgebildete Hauswirtschaftskräfte. Martina Feulner, Hauswirtschaftsexpertin, www.h-wie-hauswirtschaft.de, ist eine sympathische Ansprechpartnerin.

Feste Rituale, wie z. B. ein gemeinsamer Tee, helfen einem an Demenz erkrankten Menschen sehr, das Trinken nicht zu vergessen. Bildquelle: © rawpixel / Unsplash.com
Feste Rituale, wie z. B. ein gemeinsamer Tee, helfen einem an Demenz erkrankten Menschen sehr, das Trinken nicht zu vergessen. Bildquelle: © rawpixel / Unsplash.com

Unterstützen Sie den Handlungsablauf doch einmal mit Musik

Musik ist für das Gehirn leichter zu verstehen als Sprache.
Häufig können Situationen von Menschen mit Demenz besser eingeschätzt werden, wenn sie „musikalisch“ vermittelt werden – z.B. über ein (selbst getextetes) Lied zu einer bekannten und einfachen Melodie, das die Situation beschreibt. Fragen Sie doch einmal singend, ob ihr Gegenüber etwas trinken möchte und beschreiben Sie die Situation singend: „Du greifst jetzt nach dem Glas“. Oder nutzen Sie Trinklieder wie „Trink mer noch e Tröppche“ oder „Ein Prosit der Gemütlichkeit“, um die Situation zu beschreiben.

Gemeinsames Singen und der Einsatz von Blasinstrumenten, die schnell und einfach Klang erzeugen, in die man gut hineinpusten kann (Flöte, Mundharmonika, Kazoo) stellt ein gutes Training rund um den Erhalt von Mundmotorik und Unterstützung beim Erhalt des Schluckreizes dar – hier ist wie beim Küssen die gesamte Mundmotorik aktiv.

Hilfestellung kann hier ein/e Logopäde/in geben.

Sie haben Fragen und möchten Rückmeldung geben? Schreiben Sie mir. Ich freue mich auf Ihre Zeilen.

Herzlichst, Ihre

Simone Plechinger

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