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Die zierliche Berlinerin Britt Kanja ist ein Multitalent, Lebenskünstlerin und Stilikone. Wir treffen die quirlige Lady in einem mondänen Café am Kurfürstendamm. Ihr Markenzeichen: ein perfekt aufeinander abgestimmtes Outfit aus zweiter Hand. Auch bei unserem Gespräch trägt sie Second Hand und sieht damit wunderschön aus.  

Hallo Britt, Ihr extravaganter Hut und der elegante Mantel: Wo finden Sie alle diese feinen Sachen? Second Hand hat ja eher ein angestaubtes Image …

Ich liebe schöne Materialien und erkenne Qualität. Meine Einkaufsquellen sind die Stadtmission, Oxfam oder Humana. Wenn ich dort reinkomme, gibt es da natürlich ein Wirrwarr an unmöglichen Sachen, sollte jedoch etwas Schönes dabei sein, steuere ich zielstrebig darauf zu. Ich sehe zuerst das Material und die Farbe, dann die Form und weiß sofort, wie ich es ändern könnte oder nicht.

Stil ist keine Frage des Geldes. Britt Kanja liebt Second Hand Mode. Bildquelle: © Camilla Lobo
Stil ist keine Frage des Geldes. Britt Kanja liebt Second Hand Mode. Bildquelle: © Camilla Lobo

Warum gebrauchte Kleider, hat das Geldgründe?

Egal, wie viel Geld ich zur Verfügung habe: Second Hand war schon immer mein Favorit. Gelegentlich kaufe ich auch neue Sachen, aber ich liebe Second Hand, jedoch nur natürliche Materialien. Mit der Modeszene bin ich vertraut und lasse mich teilweise inspirieren. Ein Modeopfer bin ich allerdings nicht. Wenn man bei den großen Modelabels Schaufenster bummelt, dann sieht man häufig minderwertige Materialien, deren Herstellung nicht selten in Dubai mit billigem Öl und billigen Arbeitskräften stattfand. Ein großer Teil Asien ist übersät mit diesem Plastikkitsch. Es ist mir unbegreiflich, wie man tausende Dollar für Plastik hinlegen kann.

Haben Sie irgendwelche Vorbilder?

Es hat mich immer verwundert, dass so viele Vorbilder oder Idole haben. Ich kann Sachen gut oder toll finden, jedoch Vorbilder in diesem Sinne hatte ich nie. Von anderen angeregt zu werden, habe ich allerdings sehr gerne.

Sie sind ja selbst eine Stilikone geworden im Laufe der Zeit.

Das war nicht meine Absicht, ich habe einfach immer meinen eigenen Stil ausgelebt. Mir wurde eine besondere Sensitivität für Farben, Formen und Materialien in die Wiege gelegt. Dazu kamen viele kreative Gaben, die mir von der Natur geschenkt wurden, aber der Sinn für Farben sticht besonders hervor. Wenn man einen guten Stil besitzt, ist man nicht mit diesem Stil beschäftigt. Er ist einfach da. Ich fühle mich so wie jede(r) andere auch. Es ist meine Art, das Leben zu zelebrieren und dem Leben auch was Schönes zu schenken. Wenn wir alle in Grau rumlaufen würden, wäre ja alles noch so viel trüber. Ich leiste ästhetischen Widerstand (lächelt verschmitzt).

Kann man Stil lernen?

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Man kann sich bestimmte Raffinessen aneignen. Den kreativen Umgang mit Farben, Formen und Materialien, den kann man jedoch nicht erlernen.

Vielseitig und abwechslungsreich, aber immer elegant ist das Erscheinungsbild von Britt Kanja. Bildquelle: Britt Kanja
Vielseitig und abwechslungsreich, aber immer elegant ist das Erscheinungsbild von Britt Kanja. Bildquelle: Britt Kanja

Beraten Sie auch andere?

Ja, ab und zu. Erst mal bekommen sie einen Schreck, wenn sie mich sehen, weil sie denken, ich würde sie so anziehen wie ich aussehe. Dann sage ich immer “Keine Sorge”, ich lasse mich auf Ihre persönlichen Nuancen ein (lacht).

Ist Mode Ihr Lebensinhalt? 

Nein, das wäre traurig. Mode ist eine Sache, die mir einfach Spaß macht. Ich investiere ab und zu Zeit, wenn ich etwas ändere. Dann habe ich Lust dazu und es fließt mir aus der Hand. Ich liebe es eklektisch, das bedeutet, ich mische verschiedene Stilrichtungen. Aber es gibt viele wichtigere Dinge. Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit einem Thema, das mich sehr fesselt und dazu recherchiere ich umtriebig. Und zwar, wie könnte eine wünschenswerte zukünftige Gesellschaft aussehen?

Ihr Umgang mit Kleidung leistet zur Nachhaltigkeit einen Beitrag, da Sie Altes neu aufbereiten. 

Ja, ich bin sustainable und war es schon immer. Ich war eine der ersten, die Müll getrennt hatte, Osmose-Wasserfilter benutze ich schon seit weit über 20 Jahren. Zu Hause esse ich nur organisch-biologisch und Frisches. Zudem bin ich mit verschiedenen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten geboren, weshalb ich während meiner Zeit in San Diego Ernährungswissenschaft studiert habe.

Britt Kanja und Günther Krabbenhöft sind inzwischen modische Aushängeschilder für die Hauptstadt Berlin. Bildquelle: Britt Kanja
Britt Kanja und Günther Krabbenhöft sind inzwischen modische Aushängeschilder für die Hauptstadt Berlin. Bildquelle: Britt Kanja

Sie wurden 1950 in Berlin geboren, haben sich in den 70ern in einen Amerikaner verliebt und sechs Jahre mit ihm in Kalifornien gelebt. Gab es dort auch Second Hand? 

In den USA gab und gibt es die sogenannten „Thrift Stores“, die waren mein Eldorado. Dort herrscht ein anderes Sozialgefüge. Ab einer gewissen Ebene des Geldes ist man als Lady verpflichtet, eine wohltätige Aktion durchzuführen, so werden z.B. wohltätige Einrichtungen durch solche Stores finanziert.

Meine Schwiegermutter war dafür zuständig, Geld für das Cleveland National Ballett zusammenzubringen.

Die Ehe wurde annulliert und 1983 sind Sie nach Berlin zurückgekehrt. Das war doch ein Kulturschock, oder?

Als geborene Berlinerin habe ich die Stadt in den 60ern als Gay-Zentrum der Welt erlebt. Man ist über den Kurfürstendamm flaniert und traute sich gar nicht mit schäbigen Sachen dort entlang zu laufen. Der Kudamm war ein Boulevard mit Geschäften der großen Modehäuser – Berlin eine modebewusste und -affine Stadt, was sie zum Glück heute langsam wieder wird.

Als ich in den 80ern zurück nach Berlin kam, war die Stadt grau und in der damaligen „Szene“ angesagt, schwarz zu tragen, kaputt auszusehen und arrogant zu sein. Das Abwertende war en vogue. Schönheit war verpönt. Ich war jung und sah aus wie das blühende Leben, wie ein Rosenblatt im Morgentau. Für die „Szene“ war ich zu ätherisch und nicht fassbar. Das war richtig heftig.

Aber Sie haben sich nicht beirren lassen. 

Ich kann nicht anders, als ich selber zu sein.

Und es gab gute Fügungen, ich nenne das immer die Magnetisierung der Umstände. Ein Nachbar war Amerikaner und begeistert von mir. Wir wurden Freunde und mit ihm bin ich gerne tanzen gegangen. Wir hatten viel Spaß, obwohl die Szene freudefeindlich war. Wir hatten beide das Talent, Menschen zusammenzuführen und mein amerikanischer Freund erkannte noch dazu ihre Talente.

Dadurch, dass der Lebensraum hier so günstig war und man mit wenig Geld ein glückliches Leben führen konnte, zog Berlin viele Künstler aus aller Welt an. Mein Freund und ich begannen mit diesen Schöngeistern, alle vier Wochen an verschiedenen Orten Partys zu veranstalten und danach einen Club zu gründen. Das war eine fantastische Zeit.

Sie sind ein Multitalent, ausgebildete Tänzerin, malen und haben auch Mediendesign studiert.

Als ich Mediendesign studierte, hatte ich keine Ahnung von Grafik, Film oder Fotografie – ich wusste nur, wie es aussehen soll und sprudelte über vor Kreativität. Durch diese war ich für viele ein Feindbild, weil sie mich als Konkurrenz ansahen. Ich habe am Anfang gar nicht verstanden, warum mir keiner half. Als Teammensch, der ich bin, ist man immer Gleiche unter Gleichen. Dieser Gegenwind war eine gute Lehre, wie ein eigener Evolutions-Beschleuniger. Alles, was ich erfahren habe, egal wie heftig, ist im Endeffekt positiv für mich. Und umso mehr verstehe ich, was um mich herum passiert.

Auch auf dem Roten Teppich trägt Britt gerne umgearbeitete Second Hand Kleidungsstücke. Bildquelle: Britt Kanja
Auch auf dem Roten Teppich trägt Britt gerne umgearbeitete Second Hand Kleidungsstücke. Bildquelle: Britt Kanja

Ist jeder Mensch schön?

Ich liebe schöne Menschen, egal wie sie aussehen.

Sie machen ja vor, dass es bei Schönheit nicht um Geld geht. Was raten Sie den Menschen?

Das sie ein Gefühl für ihre Farben, ihre Materialien und Formen sowie für ihr Gesamtbild bekommen. Gut angezogen zu sein, bedeutet, dass alles eine Harmonie ergibt. Viele Menschen bleiben im Detail hängen und sehen sich den Rest schön. Es ist eine Kunst, das Ganze zu erfassen und zu wissen, wie es eine schöne Form ergibt.

Schönheit ist vor allem und im Besonderen eine innere Haltung.

Selbst wenn ich 170 Kilo wiegen würde, ich würde schön aussehen – weil ich das Beste daraus machen würde.

Daran haben wir keinen Zweifel. Herzlichen Dank für das Gespräch!

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