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Winter in Deutschland. Schnee, Nässe und Matsch draußen und Zeit, um drinnen in der warmen Stube im Internet zu stöbern. Was man dort im world wide web nicht alles findet. Das Internet ist ein wahrer Ort der Kuriositäten rund um das Thema Demenz, so scheint es mir. Heute bin ich über eine Studie aus Kanada mit einer Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt gestolpert, in der heißt es:

„Erwachsene mit und ohne Alzheimerkrankheit haben im Spätsommer und frühen Herbst bessere Kognitionsfähigkeiten als im Winter und Frühling.“ Die Testpersonen zeigen also bessere Fähigkeiten rund um Gedächtnis und Konzentration.

Zudem sei es in Winter und Frühjahr wahrscheinlicher, dass die Teilnehmer in speziellen Tests die Kriterien für die Diagnose einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder Demenz erfüllten. Diese Verbindung zwischen kognitiven Funktionen und der Jahreszeit blieb bei den 3000 Testpersonen auch nach Berücksichtigung möglicher Störfaktoren wie Schlafverhalten, körperlicher Aktivität und Schilddrüsenstatus signifikant. (University of Toronto/Rush University Medical Center Chicago 2018; doi: 10.1371/journal.pmed.1002647, Quelle Ärzteblatt).

Lebensweltorientierung

Moment. Eine Einschränkung kognitiver Leistung findet sich auch bei anderen Erkrankungen, bei veränderter emotionaler Verfassung und gedrosseltem Wohlbefinden. Mitunter sind echte Depressionen die Ursache für eingeschränkte Gedächtnisleistungen und fehlende Koordination in den Handlungsabläufen. Viele Menschen sagen von sich selbst, dass sie häufig im Winter gedrückter Stimmung sind. Da lohnt sich das hinsehen.

Denkbar ist zudem für mich auch, dass mehr Menschen im Winter und Frühjahr die Zeit für einen Arztbesuch nutzen, was die vermeintliche Zunahme an Diagnosenstellungen erklärt.

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Mein Mann – ein echtes Sonnen- und Sommerkind – jammert am Tag gefühlte 30 Mal darüber, dass es draußen eisig sei. Wissen Sie was die kognitiven Funktionen einschränkt? Das Jammern übers Wetter. Das Jammern an sich. Das ist ebenfalls im Internet nachzulesen.

Sie merken es. Meine Gedanken schweifen ab, während ich über diese Zusammenhänge so nachdenke bzw. versuche, Zusammenhänge zu finden. Meine kognitiven Funktionen lassen nach. Studien hin oder her: es wir Zeit, sich rund um die Menschen mit Demenz unter den bewährten drei Kategorien Erspüren – Verstehen – Handeln auf das Wesentliche zu besinnen. Auf unser aller Lebenswelten.

Menschen mit Demenz verlieren häufig jeden Bezug zu zeit und Raum. Bildquelle: © Mel Elias / Unsplash.com
Menschen mit Demenz verlieren häufig jeden Bezug zu zeit und Raum. Bildquelle: © Mel Elias / Unsplash.com

Erspüren:

Bedingt durch unsere „kognitive Brille“ und vor allem dem kognitiven Fokus unserer Gesellschaft tendieren wir dazu, uns auf das sogenannte deklarative Gedächtnis zu konzentrieren, wenn es um Details zu den Lebensereignissen geht. Es geht nahezu ausschließlich um das „was“ in Verbindung mit einer zeitgeschichtlichen Zuordnung. Also bpsw. wann hat die Hochzeit stattgefunden? Im Sommer oder im Winter? Dabei ist es für Menschen mit Demenz nicht bedeutsam, ob sie diese zeitliche Zuordnung vergessen haben. Es ist viel bedeutsamer, dass Menschen mit Demenz sich möglicherweise gar nicht mehr in den aktuellen Wochentagen zurecht finden, die eigene Ehefrau nicht mehr als solche zuordnen können oder eine Teetasse nicht mehr als Trinkgefäß erkennen. Vergessen hat hier eine ganz andere Dimension.

Verstehen:

Umso wichtiger ist es, sich auf unser „Wie“- Gedächtnis einzuschwingen. Im sogenannten prozeduralen Gedächtnis werden unsere alltäglichen Handlungsabläufe gespeichert. Das Wissen darum, wie etwas getan wird, das Erhalten dieser Fähigkeiten ist für Menschen mit Demenz bedeutsam. Dabei ist es hilfreich, sowohl ständig wechselnde Tagesabläufe als auch monotone Abläufe weitestgehend zu vermeiden. Sie können bei Menschen mit Demenz zu Apathie, Verwirrtheit und Angst führen. Monotone Abläufe sind in Folge dann ursächlich für die Einschränkungen unserer Hirnfunktionen.

Sich individuell auf die Lebensweltorientierung von Menschen mit Demenz einzuschwingen, in der Tagesstruktur Aktion und Pausen zu verbinden und dabei regionale Ereignisse im Jahresverlauf wie bspw. Karneval aufzugreifen, das schafft Sicherheit und sorgt für den Erhalt von Fähigkeiten des „Wie“.

Je weiter die Demenzerkrankung fortschreitet, umso mehr gewinnt die Lebensweltorientierung an Bedeutung – in einem kleinen Radius und mit starkem Fokus auf Dinge und das Erleben in unmittelbarer Reichweite.

Handeln:

Zu einer gelingenden Lebenswertorientierung in der Begleitung von Menschen mit Demenz im Winter zählt für mich in der Begegnung z.B.:

An Tee-Kräutern riechen. Klare Winterluft einatmen. Ein Vogelhäuschen beobachten und die Vögel dort füttern. Gute Schokolade essen. Dabei sein dürfen, wenn der Nachbar den Gehweg vom Schnee befreit. Sich über das Zuschauen daran erinnern (dürfen), wie diese Tätigkeit ausgeführt wird (also das prozedurale Gedächtnis aktiv werden lassen). Mit bloßen Händen in den Schnee langen.

Die kleinen Dinge im Leben können in der Arbeit mitWidmen Sie sich im Umgang mit Menschen mit Dement den ganz normalen Dingen des Lebens und beobachten Sie einfach mal wieder die Vögel in der Natur. Bildquelle: © Julian Jakob Strauss / Unsplash.com
Die kleinen Dinge im Leben können in der Arbeit mitWidmen Sie sich im Umgang mit Menschen mit Dement den ganz normalen Dingen des Lebens und beobachten Sie einfach mal wieder die Vögel in der Natur. Bildquelle: © Julian Jakob Strauss / Unsplash.com

Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal einen Schneemann gebaut oder Schneeflocken mit der Zunge gefangen? Ob mit oder ohne Demenz: Ich finde diese Fragen unserer Lebens- und Erlebenswelt viel spannender und viel bedeutsamer als die Frage nach unserer kognitiven Leistung im Winter.

Sie haben Fragen und möchten Rückmeldung geben? Schreiben Sie mir. Ich freue mich auf Ihre Zeilen. Sie möchten mehr erfahren? Das können Sie bspw. in meinen Seminaren. Besuchen Sie mich auf meiner Website.

Herzlichst, Ihre

 

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