WThüringen, 1995: Leni, die 15jährige Ich-Erzählerin wächst hier als Erstgeborene von sechs Geschwistern auf. Schon als kleines Mädchen spürt sie, dass etwas nicht stimmt. Gedankenblitze an ein furchtbares Unglück tauchen immer wieder auf. Gab es vor ihr schon eine Schwester. Lori?

Aber nicht nur darüber schweigen die Eltern, sondern auch über die Traumata ihrer DDR-Vergangenheit. Schwere Schatten lasten auf Groß und Klein. Da passt auch der lange stillgelegte Bahnhof, wo die Außenseiter-Familie wohnt. “Jeder im Dorf wusste: Wer auf den Bahnhof zog, hatte etwas auf dem Kerbholz“.

"Lori" von Anousch Mueller, erschienen im C.H.Beck verlag. Bildquelle: © C.H.Beck Verlag
“Lori” von Anousch Mueller, erschienen im C.H.Beck verlag. Bildquelle: © C.H.Beck Verlag

Leni ist ein aufgewecktes, lebendiges Kind. Den Vater erlebt sie als liebevoll, der Kinderschar sehr zugetan. Verarztet als Rettungssanitäter jede Wunde und die gibts hier im zugewachsenen Gleise-Dschungel reichlich. Aber war er nicht auch schon Architekt?  Wo war er in den längeren Zeiten, wenn er daheim abwesend war? Ebenfalls kein Thema, im besten Fall tischt man den Kindern Märchengeschichten auf.

Die Mutter ist labil, oft nicht nahbar. Sie bekommt ein Baby nach dem anderen. Sobald die auf ihren Füßchen stehen, lässt sie los und kümmert sich ausschließlich um den nächsten Säugling. Fast, als versuche sie damit etwas zu stillen. Für ihre anderen Kinder löst sie sich dann in Luft auf. Wenn Leni mal Nähe sucht oder ihre Fragen stellt erwidert sie mit einem “Was weißt du schon“-Blick. Eine instabile Kindheit.

Leni drängt es aber immer mehr, Antworten zu finden. Diese Nachforschungen führen auch in die 70/80ger Jahre, also in die Zeit vor ihrer Geburt. Es geht nicht mehr nur um die verlorene Schwester Lori. Die Tragödie beginnt viel früher als die DDR mit psychischer Gewalt und perfiden Methoden besonders junge Menschen, in diesem Fall Lenis Eltern für politische Interessen ausnutzte. Mit lebenslangen Folgen: Scham, Schuld und Verdrängung.

Mutig, wie dieses neugierige Mädchen beharrlich die Wahrheit sucht. Sie findet die Puzzleteile und tritt damit nach und nach an ihre Eltern heran. Sehr sensibel, vorsichtig und rücksichtsvoll, was mich sehr beeindruckt hat. Ich hätte auch mit viel Wut gerechnet. Und umso mehr auch für uns Leser ans Tageslicht kommt, desto näher kommt man allen Betroffenen. Wie berührend ist es, als beide Eltern Jahre später in kleinen Schritten Leni die Türen öffnen. Und somit auch eine liebevolle Tochter-Mutter-Beziehung eine Chance bekommt. Warm, hochemotional, aber auch nicht leicht, dieses Buch. Sehr lesenswert!

Eure Katharina

“Lori” von Anousch Mueller im C.H.Beck Verlag erschienen. Das Buch können Sie ganz einfach und versandkostenfrei online hier, in der Buchhandlung unseres Vertrauens, bestellen! Mehr zu Katharina Martini erfahrenSie unter: www.katharinamartini.de oder bei Instagram unter katharina_liest vor.

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