Der Wunsch nach lebenslanger Jugend und Schönheit ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Doch seit einigen Jahren merkt man immer deutlicher, wie viele Menschen diesen Wunsch auf groteske und verbissene Weise verfolgen.

Von hinten Lyzeum, von vorne Museum

Es ist ein schmaler Grad zwischen jung und jugendlicher Kleidung. Quelle: Shutterstock.com
Es ist ein schmaler Grad zwischen jung und jugendlicher Kleidung. Quelle: Shutterstock.com

Als ich vor wenigen Wochen auf dem Bürgersteig meines Geschäfts frische Luft schnappte, fiel mir eine etwa 55-jährige Dame auf, die mit ihrem Teenie-Sohn an mir vorbeiging.  Der Sohn war altersgemäß und sehr wertig gekleidet. Er trug Hemd, Jeans und Turnschuhe von namhaften Herstellern und wirkte neben seiner Mutter regelrecht konservativ. Denn die trug eine zerrissene Boyfriend-Jeans, Nietengürtel, eine extrem verwaschene Bluse im “Used Look” und Chucks.

Wäre sie eine Bauarbeiterin, die sich gerade auf dem Weg zum nächsten Richtfest befunden hätte, wäre ihre Kleidung angemessen gewesen. Wäre sie ein 15-jähriger Junge mit dem Ziel visueller Coolness, hätte sie mit ihrem Outfit ebenso den Nagel auf den Kopf getroffen. Tatsächlich war sie aber einfach nur eine gut betuchte Mutter, die sich mit maximaler Impertinenz ” jünger” stylen wollte. Die Fehleinschätzung der eigenen Jungendlichkeit erinnert mich an den alten Spruch “Von hinten Lyzeum, von vorne Museum”, der in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt und seit etwa einem Jahrzehnt schon fast inflationär anwendbar ist.

Mir fällt auf, dass wir für das manische Verlangen so jung wie möglich aussehen zu wollen, einen hohen Preis bezahlen. Zumindest diejenigen, die sich diesem Trend anschließen. Eleganz, Stil und auch Feminität, wie sie vor wenigen Jahrzehnten noch Gang und Gäbe war, wird aufgegeben um wie ein Teenie oder so jung wie möglich zu wirken.

Männer in 12-Klässler-Outfits

Obwohl ich hier von einer Frau berichte, beobachte ich diese Entwicklung nicht selten auch bei Männern. Auch hier trägt man zu weißem Haar gerne mal 12-Klässler-Outfits. Ein Stil, der meines Erachtens ausdrückt, dass man bis über beide Ohren in der Midlifecrisis steckt. Wobei diese “Crisis” bei einigen zu einem Zustand mit lebenslanger Zeitachse mutiert.

Kleidung ist natürlich immer Ausdruck von Individualität und unterstreicht die eigene Persönlichkeit, sie kommuniziert nonverbal wie wir uns fühlen und wer wir sind – zumindest teilweise. Selbstverständlich bleibt es jedem selbst überlassen, wie er oder sie sich kleidet.

Warum nicht einfach ewig attraktiv aussehen?!

Wer das altern nicht so schwer nimmt, wirkt oft jünger als er ist. Quelle: Shutterstock.com

Doch ich frage mich, warum es vielen so erstrebenswert erscheint, ganz besonders jung auszusehen. Denn der Kontrast von einem Aussehen mittleren Alters mit der Kleidung von Jugendlichen führt doch erst dazu, dass man das Alter seines Gegenübers bewusst zu erahnen versucht. Die Gegensätzlichkeit von Alter und Aufmachung ist oft so groß, dass sie uns das fortgeschrittene Alter des Gegenübers ostentativ vorführt. Wenn ein bestimmtes Maß an übertriebener Konservierung unserer Jugendlichkeit überschritten ist, weicht diese Bemühung einer großen Selbstverleugnung und wirkt einfach grotesk.

Warum müssen wir die Jugend auf so anstrengende Weise konservieren, obwohl wir doch eigentlich nicht jung sterben wollen? Was ist so defizitär daran, gut, aber altersgemäß zu erscheinen? Warum wollen wir statt ewig jung, nicht einfach ewig attraktiv aussehen? Dies ist sicher mühsam, da man auch dabei auf sich Acht geben muss. Doch man achtet sich auch in dem, wer man ist, ohne noch viel angestrengter und leidlicher danach zu streben, so zu sein wie man einmal war.

Wenn wir einen neuen Job suchen, sollen wir, so die Vorstellung der meisten Arbeitgeber, möglichst gaaanz viel Erfahrung haben. Dieser Wunsch ist verständlich, kollidiert jedoch mit dem Anspruch, dass der Bewerber blutjung sein sollte. Wir sollen Kinder bekommen, damit wir nicht aussterben, aber am besten nie die Arbeit wegen Mutterschaft unterbrechen müssen. Auch das ist so ein Paradoxon.

Ich hoffe, dass es mir gelingt, immer die zu sein, die ich gerade bin.

Wir könnten die Lebenszeit auf diesem Planeten wesentlich vereinfachen, wenn wir dafür kämpfen würden, zu uns zu stehen. Auch das ist Arbeit – allerdings eine weniger anstrengende, als die Maloche, sich wenige Jahre nach Beginn der Adoleszenz nicht so zu geben wie man ist: Nämlich lebendig und so alt wie man ist.

Zu guter Letzt muss ich ehrlicherweise zugeben, dass auch ich mich von der Veränderung in unserer Gesellschaft, Jugend und Alter nicht mehr gleichwertig zu bewerten, unterschwellig habe infizieren lassen. So ist die Kosmetikindustrie mit ihren Produkten für mich ein starkes Gravitationsfeld, da ich Kosmetik intensiv nutze und ich es einfach liebe, mich zu pflegen um möglichst lange gut in Form zu bleiben. Doch neben guter Selbstfürsorge, guter Ernährung und ganz selten auch mal Sport, hoffe ich, dass es mir gelingt, mich nicht zu verleugnen und immer die zu sein, die ich gerade bin.

Ihre Livia Karrenberg

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