Die Hufelandstraße im Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin war ungewöhnlich in der DDR. Handwerker, Künstler, Musiker, Parteifunktionäre, Schauspieler und Klavierbauer lebten dort zusammen – selbstständig und selbstbestimmt. Eine Ausstellung im C/O Berlin dokumentiert diese Gemeinschaft mit einer eindrucksvollen Fotoausstellung.

Hufelandstraße Berlin - Meine Nachbarin Frau Töpfer und ihr Enkel René, 1986. Bildquelle: Harf Zimmermann
Hufelandstraße Berlin – Meine Nachbarin Frau Töpfer und ihr Enkel René, 1986. Bildquelle: Harf Zimmermann

Nur knapp einen Kilometer lang, prächtige Häuser aus der Gründerzeit, altes Kopfsteinpflaster, stattliche Linden und breite Bürgersteige – die Hufelandstraße war schon zu DDR-Zeiten keine typische Straße im Prenzlauer Berg. Der Fotograf Harf Zimmerman hat sie Mitte der 1980er-Jahre auf seine eigene Weise porträtiert. Mit seiner  Fotoserie hat er ein beeindruckendes Zeitdokument geschaffen.

Einzigartige Fotos über Architektur und Menschen

Für seine Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zieht er ein Jahr lang von Haus zu Haus, von Bewohner zu Bewohner, von Laden zu Laden, um die Besonderheiten des Quartiers mit der Postleitzahl NO 55, später 1055, festzuhalten. Er entdeckt inmitten der Hauptstadt der DDR eine Enklave des Bürgerlichen. Geräumige Altbauwohnungen, großzügig verzierte Hausflure, Flügeltüren und Parkett sowie viele kleine Geschäfte und Werkstätten. Zimmermanns zurückhaltende, aber keineswegs unbeteiligte Dokumentation von Architektur und Menschen ist ein einzigartiges Zeugnis des Sozialismus am Vorabend seines Zusammenbruchs.

Hufelandstraße Berlin - Familie Hofmann an der Hausbar, 1986. Bildquelle: Harf Zimmermann
Hufelandstraße Berlin – Familie Hofmann an der Hausbar, 1986. Bildquelle: Harf Zimmermann

Im Ausstellungskatalog erinnert sich Joachim Gauck, ehemaliger Bundespräsident und einer der prominentesten Bürgerrechtler der DDR: „Die Fotos von Harf Zimmermann zu betrachten bringt die Erinnerung zurück. Ich rieche wieder den Rauch der Kohleöfen und die Abgase der Trabis. Ich starre noch einmal auf abbröckelnde Fassaden, in denen sich Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg finden, auf Eingangstüren, die schief in den Angeln hängen, tauche noch einmal ein in das endlose, eintönige Grau, das die Republik von Süden bis Norden beherrschte.“

Der alte Osten ist verschwunden

Die Hufelandstraße, die hinter vorgehaltener Hand auch „Kurfürstendamm des Ostens“ genannt wurde, ist nicht nur ein Beispiel für unangepasste Biografien in der untergegangenen DDR, sondern aus heutiger Sicht auch eine Fallstudie für den innerstädtischen Strukturwandel nach 1989 in Berlins Ostbezirken. Nur wenige Bewohner aus der Zeit von Zimmermanns Aufnahmen leben noch dort. Wie kaum an einem anderen Ort in Ostdeutschland fand in diesem Kiez in den letzten 25 Jahren ein nahezu kompletter Austausch der Bevölkerung statt. Alle Gebäude sind durchsaniert, die Spuren der Geschichte ausradiert und die Mieten explodiert.

Hufelandstraße in Berlin - Oskar und Irma Fleischer in ihren Verlobungsanzügen mit Hund Putzi, 1986. Bildquelle: Harf Zimmermann
Hufelandstraße in Berlin – Oskar und Irma Fleischer in ihren Verlobungsanzügen mit Hund Putzi, 1986. Bildquelle: Harf Zimmermann

Die Ausstellung wird noch bis zum 2. Juli 2017 gezeigt in der C/O Berlin Foundation:

Hardenbergstraße 22–24
10623 Berlin
www.co-berlin.org
Öffnungszeiten täglich 11 bis 20 Uhr

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